Radfahrerverein 1898 e. V. Kirrlach – Aus der Geschichte des Vereins

Als Geburtsjahr des heutigen Fahrrades gilt das Jahr 1817. Denn in diesem Jahr erfand der badische Forstmeister Karl Freiherr von Drais (1785-1851) die nach ihm benannte Draisine, eine steuerbare Laufmaschine, Vorläufer des Fahrrades. Was heute als umwälzende Erfindung angesehen wird, brachte dem badischen Erfinder nichts ein. 1818 erhielt er für seine Draisine vom badischen Großherzog das Erfinderpatent. Aber seine Draisine wurde kein Verkaufsschlager und sein Erfinder verstarb 1851 verarmt.

Es dauerte allerdings fast drei Jahrzehnte, bis von Erfindern wie dem Mechaniker Mylius und dem Instrumentenmacher Philipp Moritz Fischer das Laufrad von Drais über Drehkurbeln am Vorderrad angetrieben wurde und damit eine wesentliche Fortentwicklung eingeleitet wurde. Allerdings gelang es erst dem französischen Mechaniker Pierre Michaux, der 1867 sein Tretkurbelrad auf der Weltausstellung vorführte, mit seiner „Michauline“ der entscheidende Durchbruch. Da zunächst das Vorderrad als Antriebsrad diente, mußte man es ständig größer gestalten, weil man schließlich mit einer Pedalumdrehung größere Wegstrecken zurücklegen wollte. Deshalb kam es zur Entwicklung der Hochräder.

André Guilmet baute Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal ein Fahrrad, das über das Hinterrad angetrieben wurde. Denselben Weg beschritt in Deutschland der schwäbische Turnlehrer Johann Friedrich Trefz. Weiter ging die Entwicklung vom hölzernen zum eisernen Fahrrad, weil zunächst eiserne Tangentialspeichen und dann die Anordnung der Pedale zwischen den Rädern mit einem Kettenantrieb zum Hinterrad folgten. Die daraus resultierenden Kräfte konnten nur von einem Fahrrad aus Metall aufgefangen werden. Ein Meilenstein in der Entwicklung des Fahrrades war, als die seit 1869 benutzten Vollgummireifen ab 1888 von Luftreifen abgelöst wurden, die der Tierarzt John Boyd Dunlop erfunden hatte. 1890 konnten die französischen Brüder Michelin den abnehmbaren Luftreifen der Öffentlichkeit präsentieren, ein Fortschritt gegenüber den Dunlop-Reifen, die man nicht auswechseln konnte, und man deshalb befürchtete, der Reifen könne nach Erwärmung explodieren.

Die Scheu vor dem neuartigen Fortbewegungsmittel wurde geringer, die Menschen bekamen das Gefühl, man könne das Gefährt wirklich beherrschen. Mit der Erfindung der Torpedo-Freilauf-Nabe von Ernst Sachs im Jahre 1903 mit den Funktionen Antrieb, Bremse und Freilauf wurde der endgültige Durchbruch des Fahrrades als Gebrauchsgegenstand und Sportgerät geschafft.

Vom Durchbruch des Fahrrades als Sportgerät zeugt die Tatsache, daß Radfahren auf dem Programm der ersten olympischen Spiele der Neuzeit im Jahre 1896 in Athen stand, und zwar mit insgesamt sechs Disziplinen. Das Ansehen, das der Radsport schon in den Anfangsjahren hatte, mag auch Anlaß gewesen sein, zwei Jahre nach den olympischen Spielen den Kirrlacher Radfahrerverein zu gründen. Fast 2800 Einwohner zählte damals Kirrlach. Daß man sich Fahrräder leisten konnte, lag daran, daß seit der Ansiedlung der Zigarrenfabriken in den beiden Jahrzehnten vor der Jahrhundertwende es möglich war, daß breite Bevölkerungsschichten nun die Möglichkeit hatten, nicht nur in der Land- und Forstwirtschaft, sondern auch in der Industrie Geld zu verdienen. Vorher gab es außerhalb der Land- und Forstwirtschaft nur Verdienstmöglichkeiten bei der Zuckerfabrik und der Bahn, allerdings in einem zahlenmäßig sehr geringen Umfang. Vor allem hatten hier Frauen keinen Zugang zu einer Erwerbstätigkeit. Im Gründungsjahr des Radfahrervereins arbeiteten fast 600 Menschen in Kirrlach in den Zigarrenfabriken. Die größte Zigarrenfabrik war die Zigarrenfabrik Piazzolo in der Rosenstraße mit über 200 Arbeiterinnen und Arbeitern. Rund 200 Männer arbeiteten in der nahegelegenen Zuckerfabrik und ebenso viele Männer verdienten zusätzlich zu ihrer Landwirtschaft in den Wintermonaten im Lußhardtwald als Holzarbeiter ein bescheidenes Nebeneinkommen. Das Einkommen eines Zigarrenfabrikarbeiters (zum größten Teil Arbeiterinnen) lag damals zwischen 7 und 8 Mark pro Woche. Allein die Zigarrenarbeiter erwirtschafteten also ein Gesamteinkommen von über 200 000 Mark. Die gesamte Hopfenernte, das damals wichtigste landwirtschaftliche Produkt in Kirrlach, brachte dagegen im ungünstigen Fall, z. B. verursacht durch Überproduktion, nur rund 50 000 Mark, bei sehr günstigen Verhältnissen rund 150 000 Mark in die Kassen der Kirrlacher Haushalte. Im ausgehenden 19. Jahrhundert kam über die Zigarrenindustrie endlich Geld ins Dorf, zwar nicht im Übermaß, aber für die damaligen Verhältnisse wenigstens soviel, daß man sich auch ein Luxusgut wie das Fahrrad leisten konnte, ein tolles Fortbewegungsmittel in der Rheinebene. Stolz waren die Besitzer, denn nicht jeder Bürger konnte sich ein solches modernes Fortbewegungsmittel leisten. Der Drang, sich schneller fortbewegen zu können wie zum Beispiel das Pferd, hatte seinen Anfang genommen. Es wurde gehegt und gepflegt und oft war die gute Stube der richtige Aufbewahrungsort für das stolze Fahrzeug.

Beim Lammwirt Michael Vogelbacher begann die Geschichte des Kirrlacher Radfahrervereins. In der Vereinschronik sind folgende Gründungsmitglieder eingetragen:
1. Vorstand: Peter Hoffner, Werkmeister
2. Vorstand: Simon Heiler, Wagner und Schreinermeister
Kassier: Daniel Simon, Werkmeister
3. Fahrwart: August Wirth
4. Fahrwart: Simon Wirth

Beiräte des Vorstandes waren: Franz Hauck, Damian Hauck, Nikolaus Hauck, Michael Oechsler, Wilhelm Oechsler, Max Schmitteckert, Rochus Vogelbacher und Kornel Haag.

Alle Mitglieder beschafften sich ein Fahrrad und so wurde 1899 die erste geschlossene Ausfahrt nach Rheinhausen unternommen. Bereits ein Jahr später nahm der Verein am ersten Rennen in Mannheim teil. Die Sieger waren Kornel Wagner, Linus Hauck, Ludwig Maier und Josef Huber.

In den Jahren 1901 und 1902 wurden nur gesellige Ausfahrten durchgeführt. Erst 1903, zum fünfjährigen Stiftungsfest, ging es zum Rennen nach Karlsruhe. Bei Beteiligung des ganzen Vereins waren die Sieger Julius Heiler, Johann Rommel, Ludwig Weber und Emil Baader.

Doch man wollte nicht nur sportlich Rad fahren, sondern auch in Schönheit fahren. So konnte im Jahre 1908 das erste große Korsofahren durchgeführt werden, wobei der Radfahrerverein Kirrlach bei großer Konkurrenz den 1. Preis errang. Für damalige Verhältnisse war dies ein schöner Erfolg.

In den folgenden Jahren bis zum Kriegsausbruch blühte das Vereinsleben immer weiter auf, und es fanden viele Ausfahrten zu den Vereinen der umliegenden Ortschaften statt, die zum großen Teil mit Korsofahren verbunden waren. Während der Kriegsjahre von 1914 - 1918 ruhte der gesamte Sportbetrieb. Erst 1919 wurde unter Vorstand Josef Machauer und Georg Beigel die Vereinsarbeit wieder aufgenommen. Bis zu den Dreißiger Jahren fanden in der Umgebung Radrennen statt, bei denen die Kirrlacher Fahrer ein Wörtchen mitredeten. Die älteren Mitbürger werden sich noch an die Zeiten erinnern, als sich Richard Kremer, Josef Riegel und Georg Fenrich manch harten Kampf lieferten. Im Jahre 1923 fand zum 25jährigen Jubiläum die große Bannerweihe mit Rennen und Korsofahren statt.

Der Radfahrerverein 1898 Kirrlach bei seinem 25jährigen Jubiläum im Jahre 1923 mit Bannerweihe.

Im Vordergrund die Musiker des Musikvereins Kirrlach.

Der Radfahrerverein beim dreißigjährigen Jubiläum 1928.

Vermutlich aus dem Jahre 1930 stammt diese Aufnahme,

die den Radfahrerverein Kirrlach beim Korsofahren durch die Rosenstraße zeigt.

Ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte des Vereines war die Gründung der Schalmeienkapelle im Jahre 1935 durch Vorstand Daniel Würges. Die Spieler waren: Willi Riegel, August Riegel, Ernst Wirth, August Hoffner, Ewald Heger, Ludwig Heußler, Felix Heiler, Erhard Würges, Franz Schuhmacher, Josef Mächtel und Anton Haag.

Die Schalmeienkapelle des Radfahrervereins 1898 Kirrlach bei einem Ausflug im Jahre 1935 nach Schwetzingen.

Dieser Kapelle ist es zu verdanken, daß die Mitglieder in den Krisenzeiten dem Verein die Treue hielten. Sie trug wesentlich zum Aufschwung des Vereins nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Seit der Gründung ertönt alljährlich zum 1. Mai der Weckruf der Schalmeienkapelle in Kirrlach, sehr zur Freude aller Einwohner.